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Wenn 20 Quadratmeter zum Familienheim werden

Armut in Ungarn aus Kindersicht

Wenn 20 Quadratmeter zum Familienheim werden

Kinderarmut ist seit der Revision der Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Deutschland ein tagesaktuelles Thema. In Ungarn gibt es derlei Untersuchungen nicht. Vielleicht ist dies besser, denn arm sein bedeutet in Ungarn etwas ganz anderes.

Wirklich ruhig ist es im Me­ne­dék­ház nur mitten in der Nacht. Und dann auch nie auf Dauer. Die ganze Nacht hindurch können Ob­dach­lose, sofern noch etwas frei ist, Un­terschlupf in einem der 80 Betten finden. Nach 20 Uhr summt es jede Viertelstunde an der vergitterten Ein­gangs­tür, und das Menedékház gewährt einem der über 7.700 Ob­dach­lo­sen der Stadt Einlass, etwa in eine sogenannte „fapados“-Unterkunft, frei übersetzt Holzklasse. So heißen Un­ter­künfte, in denen Übernachtungen kostenlos sind. Normalerweise sind sie jede Nacht anders besetzt. Das Me­ne­dék­ház hingegen bietet die Mög­lichkeit, dass die Ankömmlinge auch über die erste Nacht hinaus ein Bett „reservieren“ können. „Das vereint mehrere wichtige Aspekte“ erklärt Zol­tán Nagy, Leiter des Hauses. „Zuerst einmal können die Bewohner ihr Hab und Gut, dass sie sonst oft den ganzen Tag mit sich herumtragen, hier im Haus lassen. Die Zimmer sind tagsüber abgeschlossen.“ So sei es möglich, dass die Obdachlosen ihrem Tagwerk nachgehen. Das Menedékház bietet damit zumindest ein Minimum an Kontinuität und Sicherheit. Etwas, dass die meisten Obdachlosen oftmals verlernt haben.
Das Tagwerk der Obdachlosen gestaltet sich vielfältig. Vom Betteln an großen Straßenkreuzungen bis hin zu Fla­schen- und Wertstoffsammeln reicht die Palette. Etwas aus der Reihe fällt da János*. János ist Anfang vierzig, sieht aber viel älter aus. Ihm fehlen Zähne, Gesicht und Hände sind wettergegerbt. „Ein Jahr auf der Straße zählt vierfach“, heißt es. János’ Äußeres scheint dies zu bestätigen. Er verdingt sich mit seinem Geschäfts­part­ner als Kurier zwischen den zahlreichen Budapester Antiquariaten. „Wir wissen, welches Antiquariat sich worauf spezialisiert hat. Bekommt nun ein Geschäft eine große Ladung Bücher, kommt es oft vor, dass viele davon anderswo besser hinpassen. Weggewor­fen werden Bücher nicht! Also nehmen wir sie auf und bringen sie zu anderen Antiquariaten.“ Vieles ist zu Fuß zu erledigen. „Die Budapester Ver­kehrs­betriebe (BKV) haben die Zahl der Kontrolleure stark erhöht. Das macht es uns nicht leichter. Die Stadt könnte es sich ohne weiteres erlauben, uns Obdachlose kostenfrei fahren zu lassen, aber aus politischen Gründen ist das nicht möglich“, sagt János mit einem Lächeln.

Zwei Diplome und obdachlos

Schnell wird klar, dass der Mann nicht hierher gehört. Auf dem Flur des untersten Stockwerks des Menedékház sind die Obdachlosen untergebracht. János ist seit einigen Wochen Dau­ergast hier. „Ich lebe seit elf Jahren auf der Straße. Vorher war ich Leh­rer und habe zwei Diplome. Eines als Grundschullehrer, eines als Son­der­pädagoge.“ Die Frage, wie er auf die Straße gekommen sei, beantwortet er gerade heraus: „Ich hatte die Nase voll von meinem Leben!“ Wie er berichtet, beschloss János als stellvertretender Schulleiter von einem Tag auf den anderen, sein bisheriges Leben nicht mehr zu wollen. Nach dem Tod seiner Eltern – beide ebenfalls Pädagogen – fiel er in ein Loch, zerstritt sich mit sei­nem Bruder über das Erbe und wollte nur noch raus aus der Situation. „Seitdem lebe ich auf der Straße. Es gibt außer mir selbst niemanden, den ich für meine Situation verantwortlich machen kann.“ János lächelt verschmitzt dabei, aber schon der nächste Satz nimmt viel von dieser Fröh­lich­keit. „Gerade das macht es oftmals so schwer. Aber ich habe eine Aufgabe, für die ich morgens aufstehe, und das hilft mir sehr.“ Was gemeinschaftlich verdient wird, reiche an manchen Tagen nicht mal für einen Laib Brot. Aber es sei genug, um stets die Katze hinterm Haus und ihre wenige Wo­chen alten Jungen zu versorgen: „Tiere haben für Obdachlose eine ganz andere Bedeutung, viel mehr als für Men­schen mit einem Dach über dem Kopf.“ János gesteht, dass er morgens oft keinen Sinn mehr sieht, warum er überhaupt noch aufstehen soll. Aber das Verantwortungsgefühl für ein so kleines Wesen Sorge zu tragen, bringt ihn jedes Mal zur Besinnung. „Und so geht es vielen Obdachlosen. Jeder von uns, der ein Tier bei sich hat, wird immer zuerst das Tier versorgen. Fast allen sind ihre tierischen Gefährten wichtiger als sie selbst.“ Auch hier bietet das Menedékház eine Ausnahme. Hinter dem Haus befinden sich zwei Hundezwinger, auch tierische Gäste sind willkommen.
Unter den fapados-Unterkünften sei das Menedékház eines der besten, sagt János. Es gebe auch Nachtasyle, in denen bis zu 20 Männer in Doppel­stock­betten in einem Saal untergebracht seien. „Weder kommt man dort zur Ruhe, noch hält man es länger als eine Nacht aus. Außerdem wird viel gestohlen“, weiß János aus Erfahrung. Im Menedékház gebe es dieses Problem nicht. „Aber wir achten hier auch aufeinander. Wenn ein Neuer Probleme macht, zum Beispiel sich nicht regelmäßig wäscht oder dauernd betrunken ist, schmeißen wir ihn relativ schnell raus.“ Dazu sind keine Sozialarbeiter nötig, die Obdachlosen regeln das bevorzugt unter sich.

„Wir müssen eben“ – und ein Schulterzucken

Ein Stockwerk darüber sind die Übergangswohnungen für Familien. Der Lärm ist von 16 bis 20 Uhr mitunter enorm. Mehr als 40 Kin­der leben hier. Das Jüngste ist wenige Wochen alt, die 19-jährige Mutter trägt es zum Einschlafen über den Flur. Eines der Kinder ist Gábor*. Das Roma-Kind hat dunkle Augen, fast bronzefarbene Haut und tiefschwarzes Haar. Gábor ist zwölf, lebt mit seinen Eltern und drei Brüdern in einem 20 Quadratmeter-Zimmer. Sie haben weder eine eigene Küche noch ein separates Bad. Aber Gábor beklagt sich nicht. Das ist nicht seine Art. Er tanzt HipHop, ist begeisterter Leichtathlet und geht gern zur Schule. „Es ist bereits meine sechste Schule“, sagt er. Schulterzucken begleitet jeden seiner Sätze. Auch wenn es darum geht, wie es ist, mit seiner ganzen Familie in einem Zimmer zu leben, oder was er einmal werden möchte. Dann macht sich ein Gefühl der Resignation und Teilnahmslosigkeit breit. Nur wenn er von seinen sportlichen Erfolgen erzählt, stiehlt sich ein Lächeln in sein Gesicht.
Gábors älterer Bruder Balázs* ist 15. Er wiederholt die neunte Klasse, da er nach einem Umzug versehentlich statt in die achte in die neunte Klasse eingestuft worden ist. Die Lehrer haben seine schlechten Noten seinem bisherigen Lebenslauf zugeschrieben. Um ihn gekümmert hat sich keiner der Pädagogen. Dies ist eines der schwerwiegendsten Probleme der häufigen Schulwechsel. Gábor hat bisher Deutsch als Fremdsprache gelernt, ist jetzt aber an einer Schule, an der nur Englisch unterrichtet wird. Er nimmt am Unterricht teil, ist aber von Noten und Hausaufgaben befreit. Dass ein Vorankommen so mehr als unwahrscheinlich ist, ist klar. Auch darauf reagiert der 12-Jährige mit einem scheuen Lächeln und Schul­ter­zucken.
So wie Gábor ständig den Satz wiederholt: „Wir müssen eben.“ Wie er das unstete Leben empfindet? – „Wir müssen eben“. Wie er und seine Brüder damit umgehen? – „Wir müssen eben“. Warum die Familie aus Ózd weggegangen ist? – „Wir mussten eben.“ Ein Satz, der so gar nicht zu dem jungen Gesicht mit dem ersten Flaum über der Oberlippe passt.


Geld von den falschen Leuten geliehen

Gábors und Balázs’ Mutter Emese gerät, nach ihrer Familiengeschichte gefragt, etwas ins Stocken. Aber schnell festigen sich ihr Blick und ihre Stimme. „Wir hatten alles, damals in Ózd. Ein schönes Einfamilienhaus mit großem Garten. Mein Mann und ich haben erst an Kinder gedacht, als wir beide Arbeit hatten und uns sicher waren, dass die Umstände stimmen.“ 14 Jahre haben sie in dem Haus gewohnt; ihre vier Söhne sind in Ózd zur Welt gekommen. Sie vermisst das Haus, sagt sie, weiß aber nicht, ob sie zurückgehen würde.
Vor acht Jahren ging alles sehr schnell. „Wir verloren beide unsere Arbeit. Damals hatten wir gerade die Küche neu machen lassen. Weil wir die Ratten nicht tilgen konnten, habe ich mir Geld von den falschen Leuten geliehen.“ Nachdem die zwielichtigen Kreditgeber der Familie die Strom­lei­tung zur „Warnung“ gekappt hatten, beschlossen Emese und ihr Mann, die Kinder in Sicherheit zu bringen: „Wir wussten nicht, wozu die fähig sind.“ Emese ließ nicht nur das Haus, sondern auch ihre Angehörigen zurück: „Zuerst haben wir den Kontakt nicht aufrechterhalten – aus Angst vor unseren Gläubigern. Wir wollten nicht, dass sie herausfinden, wo wir waren. Und dann war auch schon so viel Zeit ver­gangen, da waren die Familien­ban­de irgendwie zerrissen.“
Seitdem zieht die Familie von Übergangsheim zu Übergangsheim. „Ich habe mittlerweile die Übersicht verloren, wo wir schon überall gewesen sind.“ Ob sie denn Hoffnung habe, irgendwann wieder Fuß zu fassen, wird sie gefragt. Ohne Ärger, nur schmerzvoll resigniert, antwortet sie: „Ich versuche seit drei Jahren, eine Mietwohnung zu bekommen. Mein Mann hat immer Arbeit. Aber wer gibt schon einer Roma-Familie mit vier Kindern eine Wohnung?“ Solange sie im Menedékház sind, kann Emese nicht arbeiten gehen. Die Hausregel verlangt, dass einer der Eltern zuhause ist, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Vor zwei Jahren hätte sie jedoch eine Arbeit gefunden: „Die war nur befristet auf ein halbes Jahr. Aber mein Chef hatte Mitleid mit mir und hat uns für dieses halbe Jahr eine Mietwohnung besorgt.“ Diese sechs Monate seien auch nötig gewesen, um sie, wie sie sagt, vor dem Verrückt­wer­den zu bewahren. „Heute nicht zu wissen, wo man morgen mit seinen Kindern ist, macht einen auf Dauer mürbe.“
Vor allem ihre wenigen Habseligkei­ten immer wieder zusammen zu packen und ihre Kinder aus ihrem Umfeld reißen zu müssen, schmerzt Emese. Und da wird klar, von wem ihr Sohn den Satz übernommen hat: „Aber wir müssen eben.“

Vielseitig gefordert – manchmal menschlich überlastet

In Übergangsheimen wie dem Menedékház können Familien maximal bis zu eineinhalb Jahre bleiben. Vorgesehen ist ein Jahr, fällt das Ende dieses Zeitraums aber mitten in ein Schuljahr, dürfen die Kinder das Semester beenden und müssen erst dann umziehen. Die Wartelisten sind lang. Auch im Menedékház sind alle Zimmer belegt und viele Familien warten auf Aufnahme. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie sich ein Zuhause für ihre Familie wünschen, sagt Emese: „Ob Haus oder Wohnung wäre mir egal. Nur dass es unseres ist, wäre wichtig.“
Für Familien wie die von Emese gibt es soziale Wohnungsprogramme. „Allerdings melden sich für eine Woh­nung dutzende Bewerber“, berichtet Györgyi, eine der Sozialarbei­te­rin­nen des Menedékház. Nach welchen Kriterien die Plätze vergeben werden, weiß niemand so genau. „Aber wir sind uns relativ sicher, dass die Zu­ge­hö­rigkeit zu einer Minderheit eine Rolle spielt“, meint Timea, eine weitere Mitarbeiterin.
Die Familienbetreuer, wie sie hier heißen, sollen die Familien vielseitig unterstützen, aber auch das Wohl der Kinder im Auge behalten. So sind regelmäßige Gespräche mit den Eltern und Zimmerbesuche ebenso Teil der Aufgaben wie Hilfe bei Bewer­bun­gen der Eltern für Arbeit oder eben Wohnungen. Betreuer bieten Kindern auch Freizeitgestaltung: Árpád baut mit ihnen Fahrräder zusammen; die Kleinen lernen mit Werkzeug umzugehen. „Außerdem behandeln Kinder jene Fahrräder, die sie selbst repariert haben, ganz anders. Sie lernen den Wert der Arbeit zu schätzen“, erklärt „Árpi“, der mit kahlem tätowierten Kopf und drei Piercings in der Unterlippe nicht wie der typische Sozialarbeiter wirkt.

„Ich tue dann so, als hätte ich sie nicht gehört.“

Einer der begeistertsten Fahrrad­schrau­ber ist Róbert*. Er ist neun und lebt mit seinen drei Geschwistern und den Eltern seit etwas mehr als zwei Mo­naten im Menedékház. Seine Mut­ter Boglárka* und sein Váter László* versuchen mittels eines mobilen Ob­st-stan­des wieder auf die Beine zu kommen. Boglárka steht in der Eta­gen-Küche und bereitet das Abend­essen vor – Hühnerbein mit Rosmarin­kar­toff­eln. Der Duft zieht über den Flur und lockt ein paar Kinder aus den Zimmern. Sie lebt für ihre Sprösslinge und liebt es, Gäste zu bewirten. „Das fehlt mir am meisten. Unser Haus in Esztergom war wie ein Taubenschlag, die Türen standen immer offen.“ In ihr Zimmer ins Menedékház lädt sie keinen ihrer Freunde oder Angehö­ri­gen ein. Gern würde sie für ihre Kinder alles farbenfroher gestalten, die Wände streichen, „aber das lassen die Hausregeln nicht zu. Und eigentlich kann ich das ja auch nachvollziehen“, erklärt Boglárka. Vor allem dankbar sei sie, dass es Institutionen wie das Menedékház gibt. „Hier kann ich meine Kinder abends ins Bett bringen, ihnen Essen kochen, ihre Kleider waschen.“ Ihre zwei kleinen Töchter, sechs und drei Jahre alt, wissen nicht, dass sie nicht mehr nach Hause können. Die kleinere der beiden, Sára*, schläft bei den Eltern im Bett. „Manchmal liegt sie abends neben mir und fragt, wo ihr Bettchen ist“, sagt Boglárka leise, „ich tue dann meistens so, als hätte ich sie nicht gehört, oder ich schliefe schon.“
László hat sieben Jahre bei einem großen Konzern in Esztergom gearbeitet, „als Facharbeiter – und zwar als Schweißer. Einmal wurde er sogar außer der Reihe schriftlich belobigt“, erzählt Boglárka ein wenig stolz. Doch dann wurde ihm von einem Tag auf den anderen gekündigt. Betriebs­bedingt, hieß es. Gleichzeitig erhöhte die Bank die Rate für den Hauskredit. „Dann musste ich überlegen, zahle ich die Rate, oder ernähre ich meine Kinder.“ Boglárka lässt die Antwort offen. Und so war es dann nach drei Monaten soweit. Die Bank wollte das Haus zurück. „Bis zum letzten Moment haben wir gehofft, irgendeine Lösung zu finden. Das ist uns nicht gelungen. Also mussten wir unsere Habseligkeiten verramschen. Unsere wundervolle Ledersitzgar­ni­tur, die wir von dem Bonus kauften, den mein Mann erhalten hatte, tauschten wir gegen ein Auto.“ Boglárka ist bei diesen Sätzen aber nie wirklich wütend, vielleicht ist die Situation auch noch zu neu, als dass sie ihr schon Mut und Zuversicht genommen hätte.
Ihre Kinder sind musikalisch, wie zahlreiche Roma; sie singen und musizieren viel gemeinsam. Tatsächlich ist es fast erstaunlich, wie viel Freude in diesem Haus – trotz aller Widrigkeiten – zwischen all den Kindern herrscht. Dauernd hört man ein Kind lachen, kreischen oder nach seiner Mutter rufen. Das Haus lebt und in diesem Moment wünscht man sich nichts mehr, als dass diese Unbeschwertheit irgendwann wieder ihren dauerhaften Platz im Leben dieser Familien erhält.

*Namen von Redaktion geändert

Das Menedékház ist eine gemeinnützige Stiftung. Informationen, auch in englischer Sprache, finden Sie unter www.menedekhaz.hu. Sach- und Geldspenden jeder Art sind mehr als willkommen, da ein Ansturm weiterer Bedürftiger erwartet wird, wenn das Mo­ra­torium für Woh­nungs­kredite ausläuft. Für jegliche Hilfe sind wir dankbar.

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