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Ideologischer

Die neue Sonderausstellung des Holocaust-Gedenkzentrums will die alten ungarischen Symbole, den Turul und die Árpád-Streifen, von der extremen Rechten zurückerobern. Der Versuch misslingt.



Beim Betreten der Empore der ehemaligen Synagoge in der Páva utca erschrickt der unbedarfte Besucher vor dem Gedanken, dass das erst vor wenigen Jahren in dem eigens für diesen Zweck geschaffenen Gebäude eröffnete Holocaust-Gedenkzentrum schon wieder umziehen muss. Alles ist voller Pappkartons. Erst auf den zweiten Blick sieht man auf den mannshohen Wänden aus Pappkisten rechtsradikale Plakate aus den 1930er Jahren. Aha, das muss dann wohl doch die Sonderausstellung „Die Árpád-Streifen gestern und heute“ sein. Später ist von den Veranstaltern zu erfahren, dass die Kartonstapel aus Pietätsgründen aufgestellt wurden, immerhin handle es sich ja doch um eine Synagoge.

Schade nur, dass man auf diese Weise des Eindrucks beraubt wird, wie 1944 antisemitische Hetzplakate oder gar Pfeilkreuzfahnen in den entweihten, als Lagerraum gebrauchten Synagogen gewirkt haben mögen. Ad absurdum hätte gar ein Dialog zwischen den ausgestellten Fotos heutiger Rechtsradikaler und dem historischen Gebetsraum stattfinden können, aber die Veranstalter setzen statt harter Wirkung auf matschige Didaktik.

Missgriffe und Fettnäpfchen

Denn neben dem ästhetischen Desaster aus Pappe ist die Ausstellung auch inhaltlich fragwürdig. In mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge wird der Betrachter zunächst kurz in das Mittelalter entführt. Doch schon bei der Erläuterung der Entstehungsgeschichte der Árpád-Streifen, die heute ein beliebtes Symbol der radikalen Rechten sind, packt einen das erste Ärgernis. In dem Video, in dem – wie es auch bei allen folgenden der Fall ist – der Text der Ausstellungstafel vorgelesen und mit Bildern unterlegt wird, werden zwischen einer Reihe von Abbildungen aus mittelalterlichen Chroniken in gewitzter Weise kurze Sequenzen von demonstrierenden Neurechten geschnitten. Das Video erinnert an die alte Stadtlegende, derzufolge in diverse harmlose Filme zehntelsekundenkurze Ausschnitte aus Pornofilmen eingesetzt wurden, um das Publikum zu stimulieren. Nun denn, immerhin weiß der Betrachter schon nach diesem Video, woran er ist.

Nach einem gewagten Zeitsprung über mehrere Jahrhunderte, der mit einigen nicht näher kommentierten, aber dafür lieblos und willkürlich zusammen gewürfelten Militaria aus der Zwischenkriegszeit versüßt wird, befindet man sich dann unversehens mitten in den 1930er Jahren. Eine nicht enden wollende Reihe von völkisch-nationalen und rechtsradikalen Plakaten vermittelt dem Betrachter einen Eindruck von der politischen Stimmung der Zwischenkriegszeit. Was das mit den Árpád-Streifen und dem Turul zu tun haben soll, bleibt unklar, da auf den meisten Plakaten das ungarische Wappen in verschiedenen Variationen zu sehen ist. Das beinhaltet zwar die Árpád-Streifen, aber glücklicherweise ist bislang noch niemand darauf gekommen, es als rechtsradikales Symbol zu brandmarken. Über den Plakaten, weit über der Augenhöhe des Betrachters, hängt eine Serie von Fotos aus derselben Zeit. Die Reihe hat denselben Zweck, wie die Dauerausstellung im Kellergeschoss des Holocaust-Gedenkzentrums: Die Darstellung von Reichsverweser Miklós Horthy als willfährigen Handlanger Adolf Hitlers.

Dazu wird Horthy möglichst oft in Gesellschaft Hitlers gezeigt; zudem wird in dem zu diesem Ausstellungsteil gehörigen Video in unerträglich didaktischer Weise in einer historischen Filmsequenz der Handschlag der beiden Despoten, die sich gegenseitig hassten und doch glaubten, aufeinander angewiesen zu sein, herangezoomt und rot eingekreist. Der Begleittext weist im Stil der sozialistischen Geschichtsbücher darauf hin, dass „einige“ ja noch immer glauben, der Reichsverweser sei ein großer Patriot gewesen, wo er doch in Wirklichkeit lediglich ein blutiger, faschistischer Diktator war. Dass Horthys bis heute nicht aufgearbeitete Person und Rolle in Wahrheit weitaus ambivalenter war, findet leider keine Erwähnung. Hingegen wird die Horthy-Zeit mehrfach als „konterrevolutionäres System“ bezeichnet – dass dieser Ausdruck, der dem kommunistischen Jargon entnommenen ist, ohne zitierende Anführungszeichen verwendet wird, ist ein unglaublicher Missgriff und für eine Ausstellung mit historischem Anspruch unentschuldbar.

Schrecken der Vergangenheit

Im Anschluss gibt es echte Faschisten auf den Bildschirmen und den Tafeln zu sehen, und glücklicherweise findet die Ausstellung hier zu ihrem Thema zurück. Die Reproduktion einer Seite des Gefängnistagebuchs von Ferenc Szálasi zeigt eindrucksvoll, wie der spätere „Nationsführer“ seine mit dem Pfeilkreuz versehene árpádgestreifte Fahne bar historischer Kenntnisse auf einem Blatt Papier irgendwo zwischen Mittagessen und Hofgang entwarf. Dazu werden schockierende Aufnahmen von Deportationen und in der Donau treibenden, ermordeten Menschen gezeigt; wenigstens für einen Augenblick spürt man etwas von dieser grauenhaften Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Wahlkampfpropaganda

Leider wird man nur kurze Zeit später vom letzten der Handvoll Videos der Ausstellung – die man durch die ungeschickte Anordnung alle gleichzeitig hört – unsanft in die Niederungen der Tagespolitik gestoßen. Die Erzählung der Geschichte der Árpád-Streifen und des Turul seit 1989 quillt über vor Ungenauigkeiten und Fehlinformationen. Gleich zu Beginn wird die Entscheidung für das Wappen mit der Krone und gegen das so genannte Kossuth-Wappen kurz nach der Wende als „erste Niederlage der demokratischen Kräfte“ apostrophiert – was verwunderlich ist, handelt es sich doch um eine Entscheidung des ersten, demokratisch gewählten Parlaments. Mag sein, dass einige Linke lieber das Kossuth-Wappen gehabt hätten (gute Argumente gab es für beide Varianten), aber ein Nachtreten nach 20 Jahren und die Brandmarkung der damaligen Parlamentsmehrheit als undemokratisch ist zumindest nicht sehr elegant. Tiefpunkt der Ausstellung ist jedoch die folgende Sequenz, in der Aufnahmen marschierender Rechtsradikaler gezeigt werden. Dazu wird erklärt, dass diese in den späten 90ern nur mit Unterstützung der Regierung Orbán aktiv werden konnten. Hier wird klar, wozu die Ausstellung wirklich dient: Als Wahlkampfmaterial für Ungarns ideologisch ausgehöhlte Linke, deren einziger Zusammenhalt nurmehr das beständige Warnen vor dem mutmaßlich rechtsradikalen Diktator Viktor Orbán ist.

Das ist mehr als nur schade, wäre das Thema der Ausstellung doch so wichtig gewesen, bevor im Frühjahr der selbsternannte „Ministerpräsident der Nation“ Orbán kommt und – wie er selbst zu Protokoll gab – „die Rechtsradikalen wie Horthy mit zwei Ohrfeigen nach Hause schickt“. Es könnte nämlich gut sein, dass man dann über Rechtsradikalismus nicht einmal mehr reden darf. Geschweige denn eine Ausstellung machen. 

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