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Der Flórián Udvar in Óbuda

Römer, Tabak und Edelstahlgewebe



In jeder Stadt wachsen über die Jahrhunderte hinweg, ähnlich den
Schalen einer Zwiebel, Gebäude nebeneinander aus dem Erdboden. Sie
überbauen sich, eines muss einem anderen weichen oder sie gehen
Symbiosen ein.



Diese für Architekturhistoriker durchaus interessanten Gebäudekomplexe
werden im Allgemeinen von Immobilienentwicklern in großem Bogen
umgangen, da das Bauen im Bestand mit vielen Unwägbarkeiten verbunden
ist. Gegenüber dem Neubau auf „der grünen Wiese“ weiß man nie, auf was
die Baggerschaufel im Untergrund stößt oder ob die vermutete
Holzbalkendecke sich plötzlich als aufwendig abzubauende
Stahlbetondecke herausstellt.



Und dann steht man in einem Saal mit über fünf Metern hohen Decken und
wunderschönen Gusseisenstützen, die in Zweierreihen stehend dem Raum
eine besondere Atmosphäre geben. Dieser Saal ist Teil der ehemaligen
Ungarischen Königlichen Tabakfabrik aus dem Jahr


1892, gebaut am Flórián tér in Óbuda. Sie wurde in einer interessanten
Doppel-U-Struktur geplant, beschäftigte zu Glanzeiten über 500
Mitarbeiter. 1948 wurde die Produktion schließlich eingestellt. Danach
wurden die Gebäude bis in die 80er Jahre hinein mehrfach erweitert, der
Innenhof mit Lagerhallen, Brücken und Krananlagen zugebaut. Von der
ursprünglichen Eleganz der „königlichen“ Fabrik blieb nach all dem
nicht mehr viel übrig. Bis 1989 wurden hier von der Budapester
Radiotechnischen Fabrik unter anderem Elektrogeräte produziert.



Der ehemalige staatliche Immobilienverwalter des Komplexes, die BIF
Gruppe, nach der Wende privatisiert, begann nach 2004 zunehmend, neben
der reinen Gebäudeverwaltung auch neue Projekte zu entwickeln, wie zum
Beispiel das architektonisch sehr interessante „Castrum“-Haus.
Schließlich enschied sich die Gruppe auch dafür, den Flórián udvar zu
renovieren und in der vorhandenen Immobilie eine moderne
Arbeitsumgebung zu schaffen. Ziel des Entwicklers war eine nahtlose und
harmonische Kombination der architektonischen Charakteristika des 19.
Jahrhunderts mit modernen Stilelementen. Obwohl ein weitgehender
Abbruch mit anschließendem Neubau zunächst die naheliegende Möglichkeit
gewesen


wäre, sah der BIF-Generaldirektor und gelernte Architekt Csaba Tóth in
einer substanzschonenden Renovierung die bessere Alternative. Also
begann man ein Renovierungskonzept zu entwickeln, das neben dem Erhalt
eines Großteiles der Gebäudeteile ein neues Parkhaus und einen
„entrümpelten“ und ruhigen Innenhof vorsah.



Für das Problem der Wirtschaftlichkeit fand BIF hier eine interessante
„back to the future“ Lösung. Bei aktuellen Großbauprojekten wird
meistens eine detaillierte Leistungsbeschreibung angefertigt und die
gesamten Baumaßnahmen dann an einen Generalunternehmer vergeben. Da es
in diesem Fall aber praktisch nicht machbar war, alle Leistungen vorab
genau zu beschreiben, entschloss sich der Projektentwickler, fünf neue
Mitarbeiter einzustellen und die Baumaßnahmem in Eigenregie zu
realisieren. Nach Aussage von Csaba Tóth konnte auf diese Weise auch
der gewünschte Qualitätsstandard besser kontrolliert und über die
Kontrolle jedes einzelnen Baugewerks am Ende sogr billiger gebaut
werden, als bei einem Neubau. Letztendlich beliefen sich die
Gesamtkosten für 10.300 Quadratmeter Büronutzfläche und 240
Autostellplätze auf etwa 3 Mrd. Ft. Der innovative und ökonomische
Umgang mit dem alten Gebäudekomplex bescherte dem Projekt bei der
Immobilienmesse „Property Forum Budapest 2008“ eine Anerkennung als
„The best business project“.



Dieser Preis nötigt um so mehr Respekt ab, da es natürlich auch bei
diesem Projekt zu kostenfreibenden die auch einiges an Ingenieurskunst
erforderten. So tauchten beim Abbruch des Gebäudes an der Stelle des
jetzigen Parkhauses römische Ruinen auf, was bei den zahlreichen
antiken Überresten auf dem Flórián tér schon fast zu befürchten war. In
Zusammenarbeit mit Archäologen wurden die Ausgrabungen begutachtet und
Fundstücke sichergestellt. Hierbei ist eine interessante Randnotiz,
dass die diesbezüglichen Kosten komplett vom Bauherren getragen werden
müssen, die Fundstücke aber in ein öffentliches Museum gehen. Um die
Ausgrabungen nicht zu beschädigen, entschied sich der Bauherr für eine
überdimensional dicke Bodenplatte, welche nun das Parkhaus wie einen
großen Schuhkarton über die archäologischen Überreste setzt und diese
an einer Stelle durch eine große Glasplatte im Fußboden sichtbar
gemacht werden.




Ein anderes Problem waren die erwähnten Gusseisenstützen, die nicht die
aktuellen Brandschutzanforderungen erfüllen. Hier fand sich die Lösung,
neben jeder Stütze in der Wand Wassersprinkelanlagen zu installieren
und so das alte Erscheinungsbild zu erhalten.



Überhaupt wurde sehr viel Wert darauf gelegt, den Spagat zwischen dem
Erhalt des ursprünglichen Erscheinungsbildes und den zeitgemäßen
Anforderungen an eine hochwertige Büroimmobilie zu schaffen: Anstatt
abgehängten Decken und Doppelböden wurden Bodentanks mit allen
erforderlichen Elektro- und EDV-Anschlüssen in die Betondecken
eingelassen. Fenster sind größtenteils aus stilgerechtem Holz, zu den
stark befahrenen Strassen hin sind sie mit hochwirksamem
Schallschutzglas versehen. Die alten Fassaden wurden behutsam renoviert
und mit einem vollverglasten, modernen Eingangsfoyer kombiniert.



Das Parkhaus soll als neuer Teil gegenüber dem alten Bestand nicht
dominieren, sondern setzt mit einem interessant durchscheinenden
Edelstahlgewebe als Außenfassade lediglich eine elegant moderne Note.
Aus preislicher Sicht ordnet sich der Flórián udvar, obwohl von der
Ausstattung her der Kategorie A zugehörig, eher im mittleren Bereich
an. Interessant ist dieses Objekt in erster Linie für Firmen, die
entweder einen Bezug zu Nord-Buda haben oder gut anpassbare, attraktive
Räumlichkeiten etwa für einen Firmensitz oder ein Callcenter suchen.
Auch für Unternehmen der Medien und Kreativbranche lohnt sich einmal
ein Blick in den öffentlich zugänglichen Innenhof mit seinem anregenden
Architekturmix aus Gründerzeit und Gegenwart.

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