Wieder bellt der
Hund die ganze Nacht. So wie damals am Neujahrsmorgen, als im Wald Holz
gestohlen worden war, und mein Mann aufstand und sich die Stiefel anzog. Er ist
seit mindestens zwölf Jahren tot. In meinen Träumen ist er seither nicht mehr
aufgetaucht. Ich habe auch jetzt nicht geträumt. Ich musste nur von tief unten
hoch kriechen. Aus dem vergifteten Brunnen. Und immer wieder höre ich das
verfluchte Hundegebell. Es ist der rothaarige Köter von Benkő. Eine seltene
Promenadenmischung. Seine Knöchel sind auf lächerliche Weise dünn.
Keine
Ahnung, wie sie das Riesenvieh tragen können. Erzsike hatte solche Knöchel, als
sie den Hund auf der Hauptstraße spazieren führte. Die Arme liegt schon auf dem
Gemeindefriedhof links neben der Kirche, wo auch die Krypta der Maday-Familie
steht. Jetzt sehe ich die breite, fleischige Nase meines Mannes vor mir, sein
dichtes Haar, das auch im Alter nicht schütter wurde, seine abstehenden Ohren.
Es ist noch dunkel. Wahrscheinlich ist es noch nicht einmal drei Uhr. Ich muss
pissen. Ich fühle einen stechenden Schmerz. Ich spüre ihn auch im Unterleib, er
strahlt hinauf. Der linke Henkel des alten Milchtopfs unter dem Bett ist
abgebrochen. Der Topf hat an der Stelle ein Loch. Leere ich ihn tagelang nicht
aus, rinnt der gelbe Saft durch. Ich habe zwei Unterhosen an, eine mit Spitze,
die mal weiß war, und die rosafarbene lange aus Baumwolle. Darüber trage ich
einen Unterrock, ein Unterkleid und zwei Pullover. Das Unterkleid hat auch
Spitze. Einer der beiden Pullover ist ein dünner „Fadenpullover“. So jedenfalls
hat ihn meine Tochter bezeichnet, als sie ihn mir schenkte. Ihr Mund zog sich
damals schmeichlerisch in die Breite. Meine rechte Hand ruht auf dem Bauch. Ich
liege sonst nie so da. Meine Finger sind sternförmig gespreizt, als hätte mich
die Starre erfasst. Ich fühle mit den Fingern die Spitzen. Doch es dauert eine
Weile, bis mir bewusst wird, dass ich die Spitze des Unterkleids spüre und der
Ärmel des Fadenpullovers sachte mein Handgelenk berührt. Ich bewege meine
gespreizten Finger vom Bauch weg etwas nach oben. Der stechende Schmerz wird
größer. Ich gleite mit der Hand noch weiter nach oben. Ich hebe sie von der
Schmerzstelle. Sie ballt sich zuckend zur Faust zusammen. Verfluchte Scheiße!
Ich hebe mit Hilfe des Ellbogens die Bettdecke hoch. Die kühle Luft streicht
über meinen nackten Fußrücken. Ich pisse gleich in die Hose. Endlich hat sich
mein rechter Arm befreit. Die Decke fällt zurück, das tut gut. Ich versuche
mich jetzt zur Seite zu drehen, um aufstehen zu können, sacke aber wieder
zurück. Unwillkürlich schließe ich die Augen. Tränen rinnen über mein Gesicht.
Ein höllischer Schmerz durchfährt meinen Rücken. Ich spüre ihn sogar in den
Schultern. Ich strecke mein Rückgrat. Der Schmerz zerfließt. Er zieht sich in
den Rumpf zurück. Eine glühende Eisenplatte brennt sich von innen in mein
Fleisch. Der Schmerz wird nicht vergehen. Ich muss jede Bewegung vermeiden. Ich
spüre jetzt wieder einen Reiz zwischen den Beinen. Ich spanne meine Schenkel
an. Wie oft habe ich das früher der Lust wegen gemacht. Ich komme nicht dazu,
sie ganz anzuspannen, denn der Schmerz strahlt wieder bis in die Schultern
hoch. „Verflucht“, ich sage es laut: „Verfluchte Scheiße“. Wie eine eingeklemmte
Luftmasse verharrt mein Fluchen vor meinen Augen. Wegen der Dunkelheit
vielleicht. Mein Gefluche berührt meine Nase. Ich habe vor meinen eigenen
Worten Angst. Ich möchte mich von ihnen befreien. Könnte ich die Hand zum
Gesicht heben, würde ich sie fortscheuchen. Meine beiden Fäuste liegen auf der
Bettdecke. Mir fehlt die Kraft zu kämpfen. Es könnte schon dämmern! An der
gegenüberliegenden Wand ist ein daumengroßer Riss. Ich kann die Wand nicht
sehen, ich höre nur das Knarren des Dachstuhls. Das Haus wird über meinem Kopf
einstürzen. Das ist nichts Neues. Jedes Mal, wenn ich in der Nacht nicht
schlafen kann, sehe ich die Mauer einbrechen. Tausendeinhundert Witwenpension
reichen nicht, um sie richten zu lassen. Würde doch nur der Mond leuchten,
alles würde verpuffen. „Veronka“. Ich höre meinen Namen. Noch einmal:
„Veronka“. Eine wunderbar klare Stimme. Als junges Mädchen war der Mond für
mich gelber, er war fast golden. Wir lebten in Pest. Ich sehe einen
milchgesichtigen feschen Jungen auf der Fóti utca im frisch gebügelten weißen
Hemd und kaffeefarbenen Anzug. Er trägt Antilopenschuhe. „Schaust Du Dir meine
Treter an?“ Im selben Augenblick sehe ich meinen nackten Mann mit seinem
Riesenschwanz. Er will mich besteigen. Er kniet über mir und blickt mir in die
Augen. Ich hasse ihn. Eine derbe Schimpftirade will meine Zunge verlassen. Mir
fehlt jedoch der Mut. Die Linderung darf nicht vergehen. Wenigstens klammere
ich mich an meine alten Erinnerungen. Ich betrachte gerne alte Fotos. Mein
Fleisch glüht. Auf meinem Rücken ist vermutlich ein riesiger roter Fleck. Der
Schmerz verteilt sich gleichmäßig. Ich fange an, mich daran zu gewöhnen. Der
fesche Junge gibt mir zu verstehen, dass ich ruhig liegen solle. Vom Pissen
kann ich ihm doch nichts erzählen. Der henkellose Behälter schwimmt vor meinen
Augen davon. Ihn berühren, zu meinem Bett ziehen und unter die Decke schieben!
Ich müsste dann nur noch meinen Hintern leicht heben. Der Behälterrand würde
zwar scharf in meine Schenkel schneiden, mir wäre aber leichter danach. Es ist
schon was in die Unterhose geronnen. Gar nicht wenig. Ich müsste jetzt aber die
Decke hochheben. Die kalte Luft würde hereinströmen. Zwischen den
Stoffschichten zu kramen, ist mir aber zu umständlich. Es wird höchstens die
Wolldecke nass, auf der ich liege. Hätte ich nur nicht den gut aussehenden
Jungen vor Augen. Niemand lacht mit den Augen so wie er. Herrgott, könnte ich
doch nur aufstehen! Mein Mann hat mir nie geholfen. Jetzt hätte er einen Grund,
sich zu schämen. Ich bin aber völlig allein im dunklen Zimmer. Und nüchtern.
Ich bin wegen der Schmerzen in meinem Kreuz aufgewacht. Es sind aber nicht bloß
Kreuzschmerzen, es ist was Schlimmeres. Ich muss mich zusammennehmen. Ich habe
so sehr das Bedürfnis zu pissen, dass ich nach dem Milchbehälter greifen muss,
um mich zu erleichtern. Ich presse die Lippen zusammen. Ich muss den Schmerz
ertragen. Wenn ich ohnmächtig werde, falle ich ohnehin auf das Kissen zurück.
Meine verkrampfte Faust hat sich inzwischen gelöst. Die Handfläche ist
tropfnass. Ich wische sie an der Wolldecke ab. Ich ziehe den rechten Arm hoch,
fast bis zur Schulter, und stütze mich mit dem Ellbogen ab. Ich drehe mich zur
Seite, sinke aber ein. Der spitze Ellenknochen bohrt sich in die Matratze. Ich
mache nochmals dieselben Bewegungen. Mein Fleisch pulsiert. Das Messer wandert
in mir. Es tut trotzdem gut, aufzustehen. Als würde ich dem Schmerz eins
auswischen. Ich ziehe die Beine unter der Bettdecke hervor und strecke den
Rücken aus. Oje, meine nackten Füße sind jetzt am Boden. Ich schiebe den
Unterrock hastig hinunter, dann die Unterhose, schließlich jene mit der Spitze.
Ich gleite mit der Hand am Bettrand entlang und wende mich seitwärts. Ich
erreiche den Milchbehälter. Ich hebe ihn hoch. Er schwappt über. Es ist Urin
darin. Macht nichts, die Katze hat ohnehin schon auf den Bettvorleger gepisst.
Endlich ist der Behälter bei mir. Ich drücke die henkellose Seite gegen die
Matratze, rutsche etwas nach vorn und spreize die Schenkel. Ich spüre
Nadelstiche von innen. Mein Urin ist voller Glasscherben. Ich halte mich mit
der linken Hand an der Bettkante fest. Ich bin stark. Die Flüssigkeit schießt
heraus. Ein angenehmes Gefühl. (…)
Ich habe noch nie
Rehrücken zubereitet. Ich muss wohl ins Kochbuch meiner Mutter schauen. Meine
Vorgängerin, ja, die konnte das. Mein Mann brachte den Rehrücken am Abend
unverhofft nach Hause. Ich werde nervös. Ich suche nach dem Kochbuch, obwohl es
auf seinem gewohnten Platz auf der Kredenz liegt. Ich bin vom ganztägigen
Irrenhaus todmüde. Alles schmerzt, ich kann nicht mehr. Ich denke nur noch ans
Bett. Mich hinlegen und ausstrecken, wenigstens für eine Minute. Meine Tochter
darf ohnehin nichts anderes essen als Toast oder Kekse. Toast oder Kekse. Mein
Rücken pulsiert. Toast und Kekse sind mehr als genug. Die Klinke der Küchentür
bewegt sich nach unten. Mein Mann tritt herein. Ich werde mit einem Schlag
nüchtern. Mir gefriert das Blut. Herrgott, was ist passiert. Ich lehne mich an
den Türstock, wie damals, als meine Tochter den gezuckerten Quark aß. Nur nicht
in Ohnmacht fallen. Statt zu grüßen, zieht er die Augenbrauen hoch. Er ahnt
schon etwas. Ich müsste die Worte „Toast“ und „Keks“ hervorstottern, sowie
„Durchfall“ und „Estragon“. Ich schaffe es nicht. „Gibt es kein Abendessen?“
Ich warte darauf, dass er einen Wutausbruch bekommt. Er steht aber nur da,
seine Augenbrauen sind noch immer hochgezogen. Seine rechte Hand hält noch
immer die Türklinke fest. Er wendet sich der Tür zu, als wollte er mir sein
Hinterteil zeigen. Behutsam macht er sie zu. Er wartet. Er blickt durch das
Fenster in die Dämmerung hinaus. „Beweg dich.“ Ich weiß nicht, wohin. „Beweg
dich, verdammt noch mal.“ Noch immer ist mir sein Hinterteil zugewandt. Ich
mache einen Schritt. Und noch einen. Auf der Kredenz liegt die Servierplatte
mit den in Scheiben geschnittenen Möhren und Wurzeln. Ich blicke ihn starr an.
Er pfeift. Ein Zechlied. Ich mache einen Schritt Richtung Tisch. Ich fixiere
seinen Rücken. Ich muss das Ende des Lieds abwarten. „Hock dich hin.“ Ich setze
mich auf meinen gewohnten Platz. Jetzt wendet er sich von der Tür ab. Er geht
an mir vorbei zur Kredenz. Ich blicke nicht hin, weiß aber, dass er nicht das
Gemüse auf der Servierplatte sucht. Die Kredenztür quietscht. Tellergeklapper.
Klirrendes Essbesteck. Er tritt zum Tisch und stellt einen Suppenteller vor
mich hin. Neben den Teller legt er einen Löffel. Ich sitze mit ausgestrecktem
Rücken da, wie in der Schule. Meinem Kreuz tut diese Körperhaltung sogar gut.
Er stellt den Wasserkübel auf den Tisch. Er füllt den Teller mit einem Schöpflöffel.
Ich kann mich vor Lachen kaum halten. „Iss.“ Ich rühre mich nicht. Ich senke
nur den Kopf. „Iss endlich, verflucht noch mal.“ Ich hebe den Löffel und tauche
ihn ins Wasser. Ich löffle, und schlucke. Noch ein Mal. Und ein weiteres Mal.
Er bewegt sich jetzt. Im Glauben, es sei vorbei, will ich schon erleichtert den
Löffel hinlegen. Doch seine Augen sind weiterhin streng auf mich geheftet.
Wieder löffle und schlucke ich. Ich warte. „Iss, habe ich gesagt.“ Er sieht mir
zu, wie ich das Wasser in mich hineinlöffle. Er steht jetzt auf und setzt sich
auf den Tisch. Die Füße stellt er auf den Stuhl. Wie die amerikanischen
Soldaten im Krieg. Ich löffle das kalte Wasser in mich hinein. Meine Tränen
fließen. Er sitzt nur da und sieht mir zu. Das Wasser gluckert in meinem Magen.
Die Magensäure dreht sich wie ein Brunnenrad. Ich kann nicht mehr, und mein
Teller ist noch immer halbvoll. Wenn er sich doch nur beruhigen würde, würde
ich ihn anflehen, aufzuhören. Er bleibt aber unnachgiebig. Ich löffle jetzt
langsamer. Das Wasser stößt mir auf. Ich würde am liebsten kotzen. Doch es will
nichts herauskommen. Ich darf nicht länger Zeit schinden. Ich muss wieder
löffeln. Der Löffel kratzt am Boden des Tellers. Würde ihn doch wenigstens das
Kratzen nerven. Würde er doch mit den Fingern auf dem Knie trommeln. Ich
schlucke. Verflucht. Diese Scheiße dreht mir den Magen um. Beim nächsten Löffel
verschütte ich die Hälfte. Das Wasser tropft auf mein Kinn. Ich schluchze.
Meine Tränen sind versiegt. Die restliche Feuchtigkeit kitzelt mir die Augen.
Ich hebe meine linke Hand. Mit dem Zeigefinger wische ich die Nässe unter
meinen Augen weg. Meine Blase fängt an zu stechen. Ich spüre kleine
Nadelstiche. Das erhitzt mich. Mir fällt der morgendliche Zirkus ein, als ich
pissen musste. Ich habe Angst. Ich löffle hastig das Wasser in mich hinein, um
diese Tortur so rasch wie möglich zu beenden. Das Stechen ist nicht mehr so
schlimm wie am Morgen. Es beruhigt mich sogar, dass ich nicht alleine bin. Ich
kippe ein wenig den Teller, um alles auslöffeln zu können. Schließlich lege ich
den Löffel hin und lasse die Hände sinken. Mein Mann stößt einen tiefen Seufzer
aus, als hätte er eine harte Arbeit zu Ende gebracht. Er steht auf und
schüttelt sich vor Lachen. Doch es kommt kein Ton aus ihm heraus. Ich blicke
vorerst nur unter meinen gesenkten Wimpern hervor. Er kümmert sich jetzt nicht
mehr um mich. Es schüttelt ihn nur noch vor Lachen. Herrgott, ich habe ihn noch
nie so lachen gesehen. Ich bin auf einmal so befreit, dass ich auch zu lachen
beginne. „Weißt du was am herzigsten an dir ist, Veronka? Dein spitzer
Kinnknochen. Vor allem, wenn du dich bückst und der Schatten darauf fällt.“ Ich
will es nicht glauben. Er sieht mich an wie ein pubertierender Junge. Seine
dunklen Augen sind jetzt hell. Ja, sie sind aufgeklart und wirken ganz mild. Es
ist plötzlich beruhigend, in diese Augen zu blicken. Ich kichere, als würde er
mich kitzeln. Frei heraus. So ist auch mein Gesicht schöner. Er küsst mich auf
den kichernden Mund. Das kann ich verstehen. Sein Speichel bleibt in meinem
Mundwinkel zurück. Mit der Zunge vermische ich ihn mit meinem eigenen.
„Schlawiner“, sagt er, „Schlawiner“. Und er schneidet sich ein Stück Wurst und
eine Scheibe Brot herunter.
András Pályi (65) ist Schriftsteller, Dramatiker,
Übersetzer und Kritiker. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus seiner
Erzählung „Éltem“ („Ich lebte“).
Aus dem Ungarischen von Peter Bognar.



