„Ich bin eher
hetero- als homosexuell“ sagt Judit Takács von sich selbst. Trotzdem engagiert
sich die Soziologin für die Rechte der Homosexuellen und organisiert das Gay
Pride Festival seit Jahren mit. Es gab bereits
vor dem Festival Angriffe auf eine Schwulenbar und eine Schwulensauna in
Budapest.
Wie lief die Eröffnung des Gay Pride Festivals ab?
Wir hatten Angst,
dass die Rechten auch die Eröffnung im Kino M?vész stören würden. Das wäre eine
klare Ansage gewesen, dass es gefährlich ist, zum Festival zu kommen. Aber die
Eröffnung war dagegen eigentlich sehr friedlich. Wir haben Gábor Szetey für
sein Coming-out im vergangenen Jahr ausgezeichnet. Er ist der erste ungarische
Regierungspolitiker, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hat. Ernste
Zwischenfälle gab es bei der Eröffnung nicht. Nur ein Fußgänger auf der Straße
hat uns beschimpft und eine alte Frau im Kino hat uns alle Sünder genannt. Es
sind eine Menge Leute zur Eröffnung gekommen, was überraschend für uns war.
Aber den Leuten, die gekommen sind, hat man schon angemerkt, dass sie sich in
diesem Jahr anders verhalten. Zum Beispiel sind in den vergangen Jahren fast
alle zu Fuß zu den Veranstaltungen gekommen. In diesem Jahr haben die meisten
ein Taxi genommen.
Zuerst wollte die
Polizei Ihre Demo gar nicht erlauben, weil er den Verkehr beeinträchtigen
könne. Sehen Sie das nur als falschen Vorwand?
Es ist nicht das
erste Mal, dass wir uns mit diesen Problemen herumschlagen und mit der Polizei
im Vorfeld des Festivals diskutieren mussten. Manchmal machen ihre Gründe Sinn,
manchmal nicht. Ich kann verstehen, wenn die Polizei um die Verkehrssituation
besorgt ist. Aber die Diskussion in diesem Jahr war einfach nur albern. Aber
nach den Vorfällen im vergangenen Jahr waren wir nicht überrascht von den
Einwänden. Schon damals ist der leitende Polizist zu uns gekommen und hat
gesagt, dass es das letzte Mal gewesen sei und dass wir uns darauf einstellen
sollten, im nächsten Jahr auf die Demo zu verzichten. Ich konnte ja verstehen,
was er meint. Aber es war natürlich klar, dass wir die Demo dieses Jahr wieder
organisieren würden.
Ab dem 1. Januar
2009 wird es ein neues Gesetz geben, das Homosexuellen die eingetragene
Partnerschaft erlaubt. Wird dieses Gesetz wirklich etwas für
gleichgeschlechtliche Paare bewirken?
Ich halte das
Gesetz für sehr sinnvoll, weil es im Gegensatz zu ähnlichen Gesetzen, wie zum
Beispiel in Slowenien, wirklich mehr Rechte für gleichgeschlechtliche Paare
garantiert. Aber es ist nicht dasselbe wie die Ehe, mit gleichen Rechten für
gleichgeschlechtliche Paare. Zwei Dinge sind für homosexuelle Partner nämlich
immer noch unmöglich: die gemeinsame Adoption eines Kindes und die Annahme
eines gemeinsamen Namens.
In Ungarn hält
immer noch rund ein Drittel der Bevölkerung Homosexualität für eine
„Krankheit“. Ist das Land überhaupt schon reif für ein Gesetz, dass
gleichgeschlechtliche Partnerschaft mit der Ehe gleich stellt?
Es ist nicht
wichtig, ob Ungarn dafür schon reif ist – es geht hier um Menschenrechte, und
die Leute sind für solche Entscheidungen nicht immer reif. Als zum Beispiel in
Spanien die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt wurde, waren nur 30 Prozent
der spanischen Bevölkerung dafür. Aber bald waren über 50 Prozent
einverstanden. Ich denke, so ein Gesetz ist immer ein Zeichen dafür, welche
Prinzipien eine Regierung verfolgt.
Viele Ungarn sind
immer noch gegen das Gay Pride Festival. Sie sagen, die Teilnehmer würden halb
nackt zu sehen sein, zu laut und unanständig auftreten. Können Sie diese Vorwürfe nachvollziehen?
Die Demo geht
zurück auf den Stonewall-Aufstand 1969 in New York. Dort waren es die
Transvestiten, die zum ersten Mal für ihre Rechte auf die Straße gegangen sind.
Es wäre deshalb sehr komisch, wenn wir Transvestiten die Teilnahme versagen
oder einen Dresscode einführen würden. Es ist wahr, es gibt immer einige
Teilnehmer, die sich seltsam benehmen oder anziehen. Aber das gleiche passiert
auch bei der Love Parade oder ähnlichen „heterosexuellen“ Veranstaltungen. Und
dieses eine Prozent, das man immer in den Abendnachrichten sieht, repräsentiert
doch nicht die Mehrheit der Schwulen und Lesben, die sich ganz normal anziehen.
Aber dennoch
haben viele ein Problem damit, wie Homosexualität bei der Demo zur Schau
gestellt wird.
Ich verstehe es,
wenn manche Leute sagen, dass sie dahinter nur eine Provokation sehen. Aber das
ist nicht das Ziel der Demo. Es ist eine politische Bewegung für uns. Wir nenne
es die Gay Pride Demonstration nicht etwa weil wir zeigen wollen, wie stolz wir
sind, schwul oder lesbisch zu sein. Es geht um den Stolz, ein menschliches
Wesen zu sein und deshalb auch genauso wie alle anderen behandelt zu werden.
Eher hetero- als
homosexuell: Trotzdem engagiert sich Judit Takács für die Rechte der Schwulen
und Lesben.




